in: Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 20 (16.05.1997), Seite A-1330
POLITIK: Medizinreport
Etwa vier Monate braucht die umstrittene "Roundup-Ready"-SojaSorte
von Monsanto bis zur Reife. Das "neue" Gen, das die Pflanzen
im Erbgut tragen, benötigen sie in dieser Zeit ein- oder zweimal. Immer,
wenn der Farmer den Unkrautbewuchs zwischen den Soja-Keimlingen für zu
stark hält, nebelt er das Feld mit dem Monsanto-Herbizid "Roundup-Ready"
ein. Das Gift dringt durch die Blattoberflächen in alle Pflanzen ein und
blockiert ein Stoffwechselenzym. Ohne seine Arbeit versiegt in den Zellen
der Nachschub an bestimmten Aminosäuren - die Pflanzen verhungern gleichsam.
Die Monsanto-Bohnen überleben diese Herbizid-Dusche jedoch, weil Gentechniker
ihnen ein aus Bodenbakterien stammendes Gen für eine zweite Variante des
Enzyms eingefügt haben, das durch Roundup nicht lahmgelegt wird. Obwohl
die Pflanzen auf das Reserve-Enzym nur wenige Tage zurückgreifen müssen,
stellen sie es ständig her. Selbst die Bohnen, die erst lange nach dem
Einsatz der Spritzmittel reifen, enthalten das Bakterienprotein: Pro Kilo
frischer Soja-Bohnen sind es 0,8 Gramm.
Angestoßen durch die Diskussion um die Risiken der Gentechnik, haben
amerikanische Behörden als erste einen Katalog von Untersuchungen gefordert,
um die gesundheitliche Bedeutung solcher "neuen" Proteine abzuschätzen.
Monsanto mußte zur Toxizität, aber auch zur Frage des Allergierisikos seiner
Soja-Sorte detaillierte Studien vorlegen. Zur Abschätzung des Allergierisikos
wurden beispielsweise Untersuchungen zu drei Fragen durchgeführt:
Zu demselben Urteil kam das Institut auch bei der zweiten bislang in Europa zugelassenen Pflanzensorte, dem Mais der Firma Novartis (ehemals Ciba-Geigy). Diese Pflanze enthält gleich drei "neue" bakterielle Gene. Für die Bauern soll das Gen für das sogenannte "Bt-Toxin" zum entscheidenden Vorteil werden. Das in allen Pflanzenteilen gebildete Protein tötet die Raupen des Maiszünslers. Der Befall kann zu erheblichen Ernteausfällen führen. Darüberhinaus enthalten die Pflanzen ein Gen für eine Herbizidresistenz.
Die größten gesundheitlichen Vorbehalte richten sich jedoch gegen das dritte "neue" Gen im Novartis-Mais. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Resistenzgen gegen einige Antibiotika. Wenn dieses Gen von Bakterien aufgenommen wird, sind sie durch die Medikamente nicht mehr abzutöten. Kritiker befürchten, daß diese Genübertragung im Darm von Menschen und Tieren passieren könnte. Auf diese Weise könnten letztlich Krankheitserreger resistent gegen die wichtigen Antibiotika werden.
Tatsächlich ist dieser Gentransfer nicht ausgeschlossen. Allerdings
glauben viele Mikrobiologen, daß Bakterien ohnehin über andere, natürliche
Möglichkeiten verfügen, an solche Antibiotika-Resistenzgene zu gelangen.
Gewöhnlicher Ackerboden enthält zum Beispiel eine Vielzahl von antibiotikaresistenten
Mikroben. Angesichts der Allgegenwart dieser natürlichen Quellen hält das
Robert Koch-Institut die Bedenken gegen den NovartisMais für nicht stichhaltig
genug, um die Zulassung zu verweigern. Klaus Koch
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