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planet e. vom 21. Mai 2000
Rapsgene in Bakterien nachgewiesen

Forschern an der Universität von Jena gelang eine Sensation: Erstmals wurde nachgewiesen, dass veränderte Gene nicht nur die Artgrenzen von Pflanzen überspringen, sondern sogar von völlig andersartigen Organismen in deren eigene Erbmasse eingebaut werden.
Von Anfang an schwörten die Gentech-Unternehmen, dass alles, was an gentechnisch veränderten Saaten aus ihren Labors ins Freiland komme, garantiert sicher sei und auf keinen Fall zu Veränderung bei anderen, fremden Organismen führen könne. Diese Aussage wurde bisher mehr oder weniger kritiklos hingenommen, weil der konkrete Gegenbeweis fehlte.

Der Raps auf einem Feld in Sachsen wurde gentechnisch verändert, das heißt "rekombiniert": Der manipulierte Raps ist resistent gegen das Herbizid "Basta". Werden die veränderten Rapsgene auch auf andere Lebewesen übertragen?

Erstmals gelang dem Bieneninstitut der Universität Jena der Beweis für die Übertragung rekombinierter Gene zwischen völlig unterschiedlichen Lebewesen:
Professor Hans-Hinrich Kaatz vom Institut für Bienenkunde an der Universität Jena hat seine Ergebnisse in einer Studie zusammengefasst. Nachdem er erste Resultate von 1998 im Vorjahr nochmals bestätigte, will er nun seinen Befund quantifizieren.

"Wie weit nehmen Mikroorganismen die veränderten Gene auf?" - so die Fragestellung von Kaatz. Der Wissenschaftler wörtlich in planet e.: "Wir haben in dem ersten Jahr gefunden, dass in mehreren Bienen solche gentechnisch veränderten Mikroorganismen vorhanden waren, die offenbar das Gen aufgenommen haben. Das waren Bakterien. Im Jahr darauf haben wir bei einer Hefe auch aus dem Bienendarm gefunden, dass diese scheinbar das Gen aus der Pflanze in ihr eigenes Genom aufgenommen hat."

Einfacher Versuch mit Bienen
Eine Sensation: Die modifizierten Rapsgene überspringen nicht nur die Artgrenzen von Pflanzen, sondern werden sogar von völlig andersartigen Organismen in deren eigene Erbmasse eingebaut. Das Genom von Pflanzen und Bakterien ist so unterschiedlich, dass eine Übertragung von Genen bisher nicht als wahrscheinlich angesehen wurde. Insbesondere die Befürworter der Gentechnik schlossen eine Übertragung aus und verwiesen auf ihre "umfangreichen Studien".

Kaatz konnte nun entgegen allen Verharmlosungen von Industrie und Politik den Beweis für die Genübertragung liefern, und das mit einem simplem Versuchsaufbau: Auf einem Feld bringt er seine Bienenvölker in Zelten unter. Um in ihren Stock zu gelangen, müssen die Bienen die Löcher einer so genannten Pollenfalle passieren. Die an den Hinterbeinen hängenden Rapspollen werden dabei abgestreift und aufgefangen. Die so gewonnenen Rapspollen werden an Jungbienen verfüttert. Später wird der Darmtrakt dieser Bienen untersucht. Die Mikroorganismen aus dem Darm werden isoliert und vermehrt. Die DNA, das Erbgut der Mikroorganismen wird anschließend durch Elektrophorese analysiert: In dem Elektrophporese-Bad wandert die DNA je nach Zusammensetzung mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Es entstehen so genannte Banden auf der Elektrophorese-Platte. Durch die Banden kann man die DNA der Organismen identifizieren: Unter ultraviolettem Licht werden die DNA-Banden sichtbar, die Banden mit den Raps-Genen sind deutlich erkennbar. So stellte Professor Kaatz fest, dass die Mikroorganismen im Darmtrakt der Bienen manipulierte DNA der Rapspflanzen in ihre eigene DNA eingebaut haben.


Rapsgene in Bakterien nachgewiesen, II
Transgene Agrarprodukte werden nur genehmigt, wenn die Genmanipulation unbedenklich ist. Die Ergebnisse von Kaatz haben ernsthafte Zweifel aufkommen lassen: "Das muss in jedem Falle geprüft werden. Ich nehme derartige Studien sehr ernst. Und derartige Studien sind immer ein Anlass, erneut zu prüfen, ob die Unbedenklichkeit wirklich gegeben ist", so Ulrike Riedel, beim Bundesgesundheitsministerium zuständig für gentechnische Fragen. Der Saatguthersteller AgreVo, der das Versuchsfeld bestellt hat, verweigerte dagegen jeden Kommentar zu den neuen Ergebnissen. Und in Berlin hört man hinter vorgehaltener Hand: Das Forschungsministerium will die Mittel für weitere Bienen-Versuche sperren.

Dem Professor war die politische Sprengkraft seiner Forschung anfangs wohl nicht bewusst, doch nun droht er zwischen die Mühlsteine von Politik und Wirtschaft zu geraten. Seine so harmlos aussehenden Versuche mit Bienen und Raps wirken nach: Für die Gentechnik sind Kanzler, Wirtschafts- und Forschungsminister, für die Sicherung von Gesundheit und Umwelt dagegen die grünen Ressorts. Der Professor hat mit seinen Bienen-Versuchen gewissermaßen in ein Wespennest gestochen.

Die meisten Menschen lehnen Gentechnik ab, denn sie haben Angst vor gefährlichen Folgen. Und entsprechend der starken Bedenken der Bevölkerung müssen auch Politiker und Unternehmer handeln: "Mensch und Umwelt haben in jedem Falle Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen. Jeder Verbraucher muss ein freies Entscheidungsrecht haben, ob er gentechnisch veränderte Organismen mit seiner Nahrung essen will oder nicht. Das heißt: Wir brauchen eine strikte Kennzeichnungspflicht", fordert Ulrike Riedel vom Bundesgesundheitsministerium

Experten wie Beatrix Tappeser vom Öko-Institut Freiburg warnen vor den Gefahren: "Ich halte den Befund für ziemlich alarmierend, weil das ja zeigt, dass Genübertragung in größerem Ausmaß stattfindet, als wir bisher vermutet haben. Und bisher gibt es ja schon eine heftige Diskussion darüber, was es heißt, wenn plötzlich diese neu kombinierten Gensequenzen in ganz andere Organismen kommen als in die, wofür sie vorgesehen sind."

Gefahr einer Art Kettenreaktion
Die Experimente von Kaatz sind simpel aufgebaut und leicht nachvollziehbar. Umso erstaunlicher ist es, dass die Ergebnisse trotz ihrer Brisanz nicht schon längst öffentlich gemacht worden sind. Denn die Studie lässt eine Schädigung der Gesundheit des Menschen durch genmanipulierte Nahrungsmittel wahrscheinlicher werden, wie Beatrix Tappeser vom Öko-Institut Freiburg erklärt: "Die Ergebnisse weisen zum Beispiel darauf hin, dass wir auch damit rechnen müssen, dass im Magen-Darm-Trakt von Mensch und Tier diese Ereignisse stattfinden, also dass ein Übergang dieser Gensequenzen aus pflanzlichen Lebensmitteln auf die Mikroorganismen des Magen-Darm-Traktes stattfindet und dass damit möglicherweise die Mikroorganismen-Zusammensetzung im Darmtrakt verändert wird - was ja auch weit reichende gesundheitliche Auswirkungen haben kann."

Greenpeace Gentechnik-Experte Christoph Then bestätigte am Sonntag in planet e., dass ein solches Ergebnis zum ersten Mal im Freilandversuch festgestellt worden ist, allerdings habe man in der Fachwelt schon länger mit einem derartigen Befund gerechnet. Then wies auf die Gefahr einer Art Kettenreaktion hin, vergleichbar der unkontrollierten Ausbreitung mit Computer-Viren. Dringenden Handlungsbedarf sieht Then hinsichtlich der geplanten weiteren Ausbringung von gentechnisch veränderten Saaten. Das müsse so lange gestoppt werden, so Then, bis wirklich Klarheit über die Risiken herrsche.

 


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