Der patentierte Mensch - Wettlauf um das Erbgut kur..
Deutsche Presse-Agentur
Donnerstag, 30. März 2000 01:55:00
Copyright dpa, 2000
Der patentierte Mensch - Wettlauf um das Erbgut kurz vor dem Ziel
Von Gisela Ostwald, dpa
New York (dpa) - Die Entschlüsslung des menschlichen Erbguts legt
immer mehr an Tempo zu. In wenigen Tagen oder Wochen will das Human-
Genom-Projekt (HGP) eine Blaupause mit 90 Prozent der drei Milliarden
Buchstaben im Erbtext des Menschen präsentieren. Den kompletten Satz
versprechen die Forscher für 2001, vier Jahre früher als ursprünglich
geplant.
Weitsicht und Ehrgeiz hat das Rennen um die Fertigstellung des
Erbguts beflügelt - und die Aussicht auf erkleckliche Profite.
Private Unternehmen - an der Spitze Celera Genomics um Craig Venter -
drohen, dem Human-Genom-Projekt den Sieg noch kurz vor dem Ziel
streitig zu machen.
Venters Erfolg basiert vor allem auf superschnellen Maschinen, die
trotzdem relativ genau arbeiten. Nach anfänglich starken Bedenken
nutzen einige HGP-Zentren diese Sequenzieranlagen nun selbst, um mit
Venter Schritt zu halten. Celera, ein Partner des
Maschinenherstellers Perkin Elmer Corporation, hielt nach Insider-
Gerüchten lange den Daumen auf die Auslieferung der Maschinen an den
Konkurrenten HGP - und baute damit seinen Vorsprung aus.
Nach Auskunft einer Celera-Sprecherin will Venter das menschliche
Genom bis zu diesem Sommer zu 100 Prozent sequenziert haben. Dass ihm
das gelingen könnte, wird weniger bezweifelt, seit Forscher von
Celera und der Berkeley Universität in Kalifornien Mitte März das
Genom der Fruchtfliege Drosophila melanogaster in "Science"
veröffentlichten.
Es ist das komplexeste Erbgut, das bisher aufgedröselt wurde, und
gilt als Meilenstein auf dem Weg zur Entschlüsselung der Erbgut-Folge
des Menschen. Dabei hatte Venter sein Unternehmen erst vor zwei
Jahren gegründet. Es operiert mit weniger als einem Drittel des
Personals und einem Bruchteil der Kosten des Human-Genom-Projekts.
Allerdings bediente es sich immer freizügig der - kostenlosen - Daten
der HGP-Forscher.
Fast gemächlich hatten die staatlichen Forscher 1990 mit der
Entschlüsselung der rund 100 000 Gene und der vielen zusätzlichen
noch unverstandenen Sequenzen in jeder Zelle des Menschen begonnen.
Damals war klar, dass das komplexe Genom-Projekt vorwiegend aus dem
Staatssäckel finanziert werden sollte.
Drei Milliarden Dollar (sechs Milliarden Mark) sind bis 1999 in
das Projekt geflossen, das inzwischen rund 1 000 Spezialisten aus
mehr als 50 Ländern betreiben. Ungeachtet eigener Kosten stellt das
Human-Genom-Projekt seine wertvollen Daten frei über das Internet zur
Verfügung. Immerhin sei es "das Buch des Lebens", sagt Francis
Collins, Chef des US-Institutes für Genomforschung.
Da inzwischen hohe Gewinne locken, versucht neben Cerlera Genomics
auch eine wachsende Zahl anderer Biotechnik-Firmen, sich das
genetische Erbe des Menschen zu Eigen zu machen. Anders jedoch als
das HGP halten sie ihre Daten unter Verschluss. Incyte
Pharmaceuticals in Palo Alto (Kalifornien) zum Beispiel hat bereits
375 Gene patentieren lassen und das Patent für weitere 6 500
beantragt.
Firmen, die Incytes Datenbank einsehen und deren Informationen zur
Entwicklung eines Medikaments nutzen, müssen Incyte an ihrem Profit
beteiligen. William Haseltine vom Unternehmen Human Genome Sciences,
einem anderen Marktführer, hält zehn Prozent für angemessen. Diese
Firma (HGS) hatte den Wert ihrer Aktien erst kürzlich um 41 Prozent
in die Höhe getrieben, als sie verlauten ließ, sie habe das Patent
für ein Gen zur möglichen Aidsvorbeugung bekommen. HGS verschwieg
laut "Wall Street Journal", dass auch andere Anspruch auf ein Patent
für dieses Gen erheben.
Europäer verärgert, dass es in Amerika ein Patent auch dann gibt,
wenn die Funktion eines Gens noch nicht bekannt ist oder sogar nur
Gen-Fragmente vorliegen. Selbst US-Präsident Bill Clinton und seinem
britischen Kollegen Tony Blair wurde es kürzlich zu bunt. Gemeinsam
ermahnten sie die Biotech-Industrie, sie solle wie das Human-Genom-
Projekt zum Wohl der Forschung wenigstens ihre Rohdaten aufdecken und
nicht gleich patentieren lassen.
dpa go xx hu