Der gläserne Mensch - Interessant für Versicherunge..
Deutsche Presse-Agentur
Donnerstag, 30. März 2000 01:57:00
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Der gläserne Mensch - Interessant für Versicherungen und Arbeitgeber
Von Simone Humml, dpa
(Mit Bild FKM05)
Hamburg (dpa) - Ein Tropfen Blut oder Speichel kann künftig
genügen, damit ein daumengroßer Genchip mehrere tausend Erbanlagen
auf einen Schlag identifiziert. Neben dem medizinischen Nutzen
könnten die Daten vor allem für Versicherungen und Arbeitgeber
interessant sein.
Das britische Unternehmen Genostic Pharma in Cambridge hat bereits
ein Patent für ein Testsystem beantragt, mit dem sich Varianten von
mehr als 2 500 Genen identifizieren lassen ("New Scientist", Nr.
2229, S. 4). Der Test umfasst Gene, die bei 16 verschiedenen
Krankheitstypen eine Rolle spielen, darunter Krebs, Sexprobleme und
Gehirnabbau. Einige sollen auch das Verhalten und die Intelligenz des
Menschen betreffen. Mit dem Bau von Chips-Prototypen möchte das
Unternehmen in wenigen Monaten beginnen. Auf den Chips sind
Genschnipsel angebracht, die sich bei Ûbereinstimmung mit denen des
Probanden verbinden und damit anzeigen, welche Erbanlagen er hat.
Zurzeit seien Gentests nur für wenige seltene Erbleiden wirklich
aussagekräftig, erläutert Oliver Schöffski, Versicherungsökonom an
der Universität Hannover. Für Versicherungen könnten sie jedoch schon
in etwa fünf Jahren relevant werden, wenn man ein Risiko von
Volkskrankheiten wie Krebs oder Rheuma vorhersagen könne. Wie genau
dies jemals möglich sein wird, ist noch offen.
"Beim Abschluss von privaten Kranken- oder Lebensversicherungen
muss ich schon heute alle bekannten Risiken angeben und den Arzt von
seiner Schweigepflicht entbinden", sagt Schöffski. Da ein Hausstaub-
Allergiker ein hohes Risiko für Asthma habe, zahle er jetzt bereits
höhere Beiträge.
Auch das Ergebnis eines Gentests müsse der privaten Versicherung
mitgeteilt werden. "Die große Gefahr ist, dass Menschen deswegen
keinen Gentest machen", sagt Schöffski, selbst wenn es aus
medizinischen Gründen in Einzelfällen ratsam wäre. "Rechtlich
ungeklärt ist, ob Versicherungen die Durchführung eines Gentests
verlangen können. Sie machen es derzeit aber nicht."
Ein Arbeitgeber dürfe in Deutschland in Ausnahmefällen einen
Gentest vor der Einstellung fordern, erläutert Helmut Krause,
Vorsitzender der Arbeitsrechtlichen Vereinigung Deutschlands in
München. "Das hat allerdings noch kein Arbeitgeber gewagt. Das
Bundesarbeitsgericht hatte noch keine Fälle, in denen ein Arbeitgeber
direkt nach einem Gentest gefragt hat."
Denkbar wäre aber, dass es in naher Zukunft nur mit einem Gentest
zu Vertragsverhandlungen kommt. "Das mag zwar moralisch und ethisch
bedenklich sein, ist gesetzlich aber erlaubt." Ein Test wäre
sinnvoll, wenn damit etwa Fabrikarbeiter von für sie gefährlichen
Stoffen fern gehalten werden. Schon heute müsse ein Bewerber mit
Mehlstauballergie einen Bäcker von sich aus darauf hinweisen.
Bislang werden Menschen, die es wünschen, mit herkömmlichen Tests
meist nur auf ein in der Familie gehäuft vorkommendes Gen untersucht.
So kann ein 20-Jähriger erfahren, dass er in zehn bis 30 Jahren am
unheilbaren Veitstanz (Chorea Huntington) erkranken wird oder auch
nicht. Direkten therapeutischen Nutzen haben nur wenige Gentests. So
können Ärzte einen Dickdarmkrebs (familiäre adenomatöse Polipose) per
Gentest frühzeitig voraussagen und therapieren. Auch ein sehr
seltener Augentumor bei Kindern, das Retinoblastom, kann per Gentest
erkannt werden.
Frauen mit einer erblichen Anlage für Brustkrebs können verstärkt
zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Bislang versuchen einige der Frauen
in Großbritannien das Risiko dadurch zu verringern, dass sie sich die
Brüste vorsorglich amputieren lassen. Der Gentest zeigt jedoch nur
eine Veranlagung an, so dass eine Anzahl dieser Frauen ohnehin nicht
erkrankt wäre.
Noch fahnden Ärzte meist gezielt nach einzelnen Genen und nutzen
zur Diagnose von Erbkrankheiten herkömmliche Tests. Die Entwicklung
der Genchips sei jedoch so weit, dass man sie bald in der Routine
einsetzen könne, sagt Steffen Rupp vom Fraunhofer Institut für
Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart. Genchips werden
schon in Prüf- und Forschungslabors verwendet. Sie enttarnen
beispielsweise gentechnisch veränderte Nahrungsmittel oder
Rindfleisch in Gänseleberpastete.
Rupp selbst arbeitet an einem Genchip, mit dessen Hilfe er
frühzeitig einen Hautpilz (Candida albicans) erkennen und zudem
Medikamente dagegen entwickeln kann. Er hat gegen Genchips keine
Bedenken: "Die Gefahren liegen nicht in der Technologie sondern in
der Gesellschaft selbst."
dpa hu yyzz ma