Verseuchung bei Gentherapie möglich
Forscher fanden verändertes Erbmaterial in der Keimbahn von Menschen
Von Vlad Georgescu
Gentherapie führt möglicherweise zu unerwünschten Eingriffen in die menschliche Keimbahn. Das halten sowohl die US-amerikanische Gesundheitsbehörde National Institute of Health (NIH) als auch die für Genexperimente zuständige Food and Drug Administration (FDA) für möglich.
HANNOVER, 17. März. Zwar sind Eingriffe in die menschliche Keimbahn hierzulande und in den USA verboten, weil sie die damit verbundenen Änderungen des Erbguts auf die Nachkommen übertragen würden. Doch die Experten beider US-Behörden gingen davon aus, daß während Gentherapieversuchen eine "unfallbedingte Verseuchung" des Erbguts (DNA) sowohl bei Tieren als auch bei Patienten stattgefunden haben könnte, berichtet das britische Wissenschaftsblatt New Scientist.
Normalerweise schleusen die Forscher in solchen Experimenten die therapeutischen Gene mittels spezieller "Transportfähren", meist eine besondere Virenart, ins kranke Gewebe. Dort, und nur dort, sollen die Viren die Zellen befallen und sie zur Produktion der Eiweiße anregen, die eine Heilung versprechen.
Doch die genbeladenen Viren befallen offenbar nicht nur ihre Zielzellen. Auch Samen- und Eizellen könnten durch die "Transportfähren" die neuen Erbmaterialfragmente aufnehmen, vermuten die NIH- und FDA- Forscher. "Das wäre nichts Ungewöhnliches", kommentiert Philip Noguchi von der Abteilung für Zelluläre und Gentherapie der FDA die Vorfälle.
Aufgefallen waren Veränderungen in der Keimbahn, als Wissenschaftler des britischen Pharmaunternehmens Glaxo- Wellcome Ratten ein gentherapeutisches Mittel gegen zystische Fibrose (angeborene Drüsenstörung) über ein Nasenspray verabreichten. Anschließend identifizierten sie die eingeschleusten Gene im Gewebe der Geschlechtsorgane der Tiere.
Auch andere Wissenschaftler, etwa des Biotetech-Unternehmens Introgen Therapeutics in Houston (USA), fiel ähnliches auf: Bei einem an Krebs verstorbenen Patienten, der zuvor an einem Gentherapieversuch teilgenommen hatte, tauchte neues Erbmaterial in der Nähe der Geschlechtszellen auf. Inwieweit die künstlich eingebrachten Fragmente nur ins Gewebe um die Geschlechtszellen oder aber in diese direkt selbst eindringen, ist noch ungeklärt. Die FDA-Experten fordern daher bessere und genauere Kontrolluntersuchungen bei menschlichen Keimbahnzellen.
Copyright © Frankfurter Rundschau 1998
Erscheinungsdatum 18.03.1998